Kurativ oder palliativ?
Über die Chancen einer Medizin, die Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt
Wenn wir an Medizin denken, verbinden wir damit meist das Ziel, eine Krankheit zu heilen: Operationen, Medikamente, Reha. Kurz: alles, was dazu dient, die Krankheit zu besiegen. Dieses Ziel nennt man kurative Medizin.
Doch was, wenn eine Erkrankung nicht mehr heilbar ist? Bedeutet das, dass die Medizin nichts mehr tun kann?
Ganz im Gegenteil: Genau hier setzt die Palliativmedizin an, eine hochspezialisierte, wissenschaftlich fundierte Disziplin, die nicht weniger „medizinisch“ ist als jede andere. Sie arbeitet evidenzbasiert, interdisziplinär und stellt nicht das Verlängern von Lebenszeit um jeden Preis, sondern die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt.
„Palliativmedizin bedeutet nicht das Ende, sondern ein anderes Ziel.“


Kurativ vs. palliativ – zwei Perspektiven, ein gemeinsames Ziel
Palliative Vitalparameter
In der kurativen Medizin sind Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung entscheidende Vitalwerte, sowie der Blick auf Laborwerte und bildgebende Verfahren. Teilweise sind diese auch für die Behandlung in der Palliativmedizin wichtig, jedoch verschiebt sich der Fokus deutlich:
Diese „palliativen Vitalparameter“ zeigen: Lebensqualität lässt sich messen, gestalten und verbessern.
Mehr als Morphin: ein hochspezialisiertes Fachgebiet
Noch immer hält sich das Vorurteil: „Palliativmedizin, das heißt Morphin geben und beim Sterben helfen.“ Doch die Realität sieht anders aus. Palliativmedizin ist:
Damit ist Palliativmedizin keine Randdisziplin, sondern eine hochqualifizierte Säule moderner Medizin.
Warum alle von der Palliativmedizin profitieren
Für das medizinische Fachpersonal eröffnet palliatives Denken einen Blickwechsel in palliativen Behandlungssituationen: weg vom reinen „Erfolg“ in Labor- und Messwerten, hin zur Lebensqualität des Menschen. Für Patienten und Angehörige bedeutet es die Erfahrung: Es wird weiter etwas für mich getan – nicht gegen die Krankheit, sondern für mein Leben.
Patientenbeispiel: Herr S. und die Kraft der kleinen Schritte
Herr S., 68 Jahre, lebt mit einer weit fortgeschrittenen Tumorerkrankung. Heilbar ist sie nicht mehr. Als das SAPV-Team zum ersten Mal zu ihm nach Hause kam, war er erschöpft, konnte kaum schlafen, hatte wiederholt beängstigende Atemnot. Er und seine Frau machten sich Sorgen vor Notfallsituation und Verschlechterungen. Nach gezielter palliativmedizinischer Behandlung (medikamentöse Atemnotlinderung, Anleitung zu Verhalten bei Krisensituation, Gespräche mit Psychoonkologie und Seelsorge und gemeinsamen Planung der Versorgung in der Zukunft, berichtete er: „Ich fühle mich endlich wieder sicher. Ich weiß, was zu tun ist, wenn die Luft knapp wird.“
Sein Leben wurde dadurch nicht „gerettet“ – aber lebenswert gemacht.

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