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Unser Job macht dankbar

Die Diagnose Krebs trifft Patienten und Angehörige meist wie ein Blitzschlag. Am Leopoldina-Krankenhaus Schweinfurt sorgt das Team der Psychoonkologie dafür, dass Betroffene in dieser Ausnahmesituation nicht allein gelassen werden. Eine Arbeit, die tief bewegt, Resilienz stärkt und den Blick für das Wesentliche im Leben schärft.

(Text und Bilder: Bernd Meidel)

(von links): Carina Stumm, Irena Gruber, Miriam Hoos und Stefan Menz bilden aktuell das Team der Psychoonkologie am Leopoldina Krankenhaus.

Der Flur im onkologischen Zentrum ist hell, doch die Gedanken der Menschen, die hier behandelt werden, sind oft von dunklen Wolken überschattet. Hier setzen Stefan Menz, seit 2014 in der ­Psychoonkologie, und sein Team an. Menz, ein Mann der bedachten Worte, studierte Philosophie und Theologie; war lange Zeit als Seelsorger für die katholische Kirche und in der Klinikseelsorge tätig. Dieser Berufsweg prägt sein heutiges Wirken. „Wir sind ­Begleiter in einer Phase, in der das Leben neu sortiert werden muss“, erklärt er.

Team mit Erfahrung und Wachstum

In den letzten Jahren ist sein Team stetig gewachsen, um der steigenden Patientenzahl gerecht zu werden. ­Aktuell sorgen fünf Organkrebszentren am Leopoldina für die medizinische Versorgung – ein sechstes ist für 2026 geplant. 2023 kam Carina Stumm in das Team. Die Diplom-Psychologin und psycho­logische Psychotherapeutin brachte zehn Jahre Erfahrung aus einer Rehaklinik mit. 2024 stieß die Psychologin Miriam Hoos hinzu und seit Herbst 2025 komplettiert Irena Gruber die derzeitige Runde. Auch sie blickt auf Erfahrung in der Rehabilitation zurück und hat die Ausbildung zur ­Psychologischen ­Psychotherapeutin absolviert. ­Gemeinsam bilden sie die Brücke ­zwischen der medizinischen Behandlung und der emotionalen Bewältigung der Krankheit.

“Ohne dieses Team könnten wir hier nicht arbeiten“

Elisabeth Göbel, Oberärztin am Onkologischen Zentrum

Zeit als kostbarstes Gut

Der Arbeitsalltag in der Psycho­onkologie folgt keinem starren Muster. Es gibt lediglich eine Morgenrunde, in der die Prioritäten des Tages besprochen und Termine koordiniert werden. Auch die methodische Freiheit ist groß. „Das Schöne am ‚Leo‘ sind die Gleitzeit und die Freiheit, so zu arbeiten, wie es der Patient gerade braucht“, so das Team.

Das Spektrum reicht von sensiblen Gesprächen im geschützten Rahmen, über gemeinsame Achtsamkeitsübungen und den Besuch am Krankenbett bis hin zu Spaziergängen auf dem Klinik­gelände oder auch der Sterbebegleitung im Rahmen des „Palliative Care“.

Jeder Patient der Onkologie hat das Recht auf diese psychologische Beratung. Mindestens 65 Prozent der Patienten müssen vom Team gescreent und adäquat betreut werden. Doch Menz betont: „Es geht nicht um Quoten, sondern um den Menschen. Oft herrscht beim Erstkontakt Skepsis. Manche wollen anfangs keine Beratung, sind verunsichert. Aber meist stellen wir fest, dass sich diese Einstellung mit dem ersten Kennenlernen ändert.“

Vielfältige Betreuungsangebote

Die Psychoonkologie am Leopoldina arbeitet eng mit der ­regionalen Krebsberatungsstelle, den Sozialdiensten und verschiedenen Selbsthilfegruppen zusammen. Die Beratung findet ausschließlich während des stationären Aufenthalts statt:

  • Unterstützung bei der Verarbeitung der Diagnose
  • Entlastung in akuten Krisensituationen
  • Indikationsstellung zur weiteren Behandlungsplanung
  • Entspannungs- und Imaginationsverfahren
  • Angehörigen- und Paargespräch zur Unterstützung
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Ärzten, Pflegekräften, Sozialdienst und Seelsorge

Für die Zeit danach werden Patienten und Angehörige an ­ambulante Netzwerke weitervermittelt, um eine lückenlose ­Betreuung zu gewährleisten. Eine Übersicht der beratenden Stellen finden Interessierte beispielsweise auf der Webseite der Psychoonkologie

Hier geht es zur Website

Krebs ist kein Todesurteil

Ein zentraler Aspekt der Arbeit ist die Entmystifizierung der Diagnose. „Krebs ist heute längst kein Todesurteil mehr“, betont das Team. Es gibt viele positive Therapieverläufe und genau diese Prognose ist Teil der Gespräche. Dennoch führt der Weg zur Akzeptanz oft durch schwierige Phasen: Ablehnung, Wut, Verdrängung und manchmal auch Beschuldigungen. Besonders bemerkenswert ist, dass Patienten, die regelmäßig zur Vorsorge gegangen sind, sich mit der Diagnose oft leichter tun. Sie hadern weniger mit ihrem Schicksal und quälen sich seltener mit Selbstvorwürfen, etwas versäumt zu haben.

Selbstfürsorge lernen

Oft scheuen sich Patienten, ihre tief­gehenden Ängste mit ihren Ange­hörigen zu teilen; etwa aus Sorge, diese noch mehr zu belasten. Hier sieht sich die Psychoonkologie als Puffer. ­„Lebensvorräte“ sollen mobilisiert werden. Die Qualität der verbleibenden Zeit soll bestmöglich gesteigert werden – egal, wie lange diese noch währt.

„Die Patienten suchen das Leben“, ist sich das Team einig. Eines der wichtigsten Learnings ist dabei die Selbstfürsorge. Zu erkennen, dass man nicht nur für andere funktionieren muss. Diese Botschaft richtet sich auch immer wieder an die Angehörigen. Sie müssen oft erst lernen, dass der Patient seine eigenen Grenzen nun neu definiert.

Eigene Resilienz wächst

Die Arbeit in der Psychoonkologie ist intensiv. Hinzu kommt, dass im Laufe der Jahre die Patienten oft jünger sind als einige der Teammitglieder selbst. Angelehnt an die Erkenntnis „Therapie heilt den Therapeuten“, empfinden auch die Psychoonkologen ihre Tätigkeit als heilsam für das eigene Leben. „Man fühlt sich manchmal beschenkt angesichts der eigenen Gesundheit“, gibt Stefan Menz offen zu. Die Arbeit verändere einen; die eigene Resilienz wachse, man werde gelassener. „Wenn ich in den Feierabend gehe, bleibt das gute Gefühl, Menschen in ihrer verletzlichsten Phase beigestanden zu haben. Es ist ein Job, der Demut lehrt und dankbar macht.“

PODCAST

Medizin & Menschen – Folge 14 – „Diagnose Krebs: Wenn das Leben aus der Bahn geworfen wird“ mit Stefan Menz

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